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Im Rahmen archäologischer Fachdiskussionen kommt dem Begriff "materielle Kultur" eine ständig wachsende Bedeutung zu. Allerdings steht seinem regen Gebrauch bei wissenschaftlichen Tagungen und in einschlägigen Veröffentlichungen gegenwärtig noch kein klares analytisches Konzept gegenüber. Vielmehr bezeichnet "materielle Kultur" in den allermeisten Fällen lediglich die Quellenbasis der Ur- und Frühgeschichtswissenschaft: jene überreste, die als primäre Grundlage für das Studium der historischen Epochen zur Verfügung stehen, die vor dem Einsatz einer breiteren schriftlichen überlieferung liegen. Insofern konzentrierte man sich gerade in der deutschsprachigen Forschung in der Vergangenheit vor allem darauf, über die diversen Filter, die das materielle Kulturinventar im Verlauf der Zeit reduzieren, nachzudenken.
Dort wo "materielle Kultur" hingegen schon früh als analytisches Konzept verstanden wurde, etwa in der New Archaeology, dominierte lange Zeit die Annahme einer direkten, mechanischen Beziehung zwischen vergangenen Prozessen und ihrem gegenwärtigen materiellen Niederschlag. Dies führte zu einer Betrachtung archäologischer Quellen als "fossilisiertem Verhalten". Entsprechend ging man davon aus, daß die Gesamtheit archäologischer überlieferung (archaeological record) die Struktur vergangener Gesellschaften maßstabsgetreu widerspiegele und somit eine Rekonstruktion ihrer Struktur auch auf archäologischem Wege relativ problemlos möglich sei.
Ein solches Konzept ist vor allem durch die jüngeren kulturtheoretischen Beiträge der Postprocessual Archaeology unhaltbar geworden. Deshalb sucht man seit etwa zwanzig Jahren verstärkt nach einem konzeptuellen Rahmen zur Interpretation materieller Kultur, der der Komplexität dieses Zusammenhangs besser gerecht wird. Einen Ansatz dazu bietet ein im weitesten Sinne semiotischer Ansatz, der die materielle Kultur als einen bedeutungsvollen und aktiven Bestandteil jeder Gesellschaft ansieht (I. Hodder). Materielle Kultur erscheint in einem solchen Zusammenhang als ein Medium, in dem vergangene Ideen und Bedeutungen in einer kodierten Form vorliegen. Ein wesentlicher Teil der Aufgabe des Archäologen wird dementsprechend in der Entschlüsselung des diesen Objekten zugrunde liegenden Kodes gesehen.
Eine zentrale Problematik eines solchen Ansatzes liegt allerdings darin, daß die meisten materiellen Reste, die von Archäologen und Archäologinnen ausgegraben werden, nicht - zumindest nicht primär - in kommunikativer Absicht geschaffen wurden. Vielmehr verweisen sie lediglich mittelbar auf bestimmte historische Zustände und Prozesse. So geben beispielsweise Gebrauchsspuren an Werkzeugen und deren Auffindungskontexte Hinweise auf spezifische primäre und sekundäre Nutzungen dieser Artefakte oder handwerklich-technische Details bieten Indizien für die Unterscheidung von bestimmten "Werkstätten" oder "Werkstattkreisen". In all diesen Fällen handelt es sich nicht um unmittelbare und mit Bedeutung versehene Eigenäußerungen der betreffenden Gemeinschaft, sondern vielmehr um unabsichtliche Spuren vergangenen Handelns, die sich besser im Rahmen eines "Indizienparadigmas" (C. Ginzburg) als im Rahmen eines semiotischen Ansatzes deuten lassen.
Daneben gibt es im archäologischen Quellenmaterial, speziell im Bereich der handwerklichen und künstlerischen Produktion, aber zweifellos auch Objekte, deren Produzenten oder Nutzern man eine kommunikative Absicht im weitesten Sinne nicht generell absprechen möchte, wenngleich Adressat und Inhalt der entsprechenden "materiellen Botschaften" im Einzelfall nur schwer zu bestimmen sind. Dazu gehören neben den insgesamt relativ wenigen Bildquellen, die wir besonders aus dem Bereich der Steinplastik, der Toreutik und der Felsbildkunst kennen, speziell jene Objekte, die gewöhnlich mit Begriffen wie "Statussymbol" oder "Prestigegut" belegt werden. Aber auch als "rituell" gedeutete Objekte sind in diesem Zusammenhang zu nennen.
Ein diesen Funden analoges Potential für semiotische Analysen bietet die monumentale Grab- oder Zeremonialarchitektur aus dem Neolithikum und den vorrömischen Metallzeiten. Dasselbe gilt für archäologisch gut ansprechbare Objektniederlegungen (speziell Gräber und Horte), die nicht nur auf eine bestimmte Deponierungsabsicht hin befragt werden können, sondern vielfach auch inhaltlich deutbar erscheinen Ð etwa im Hinblick auf Aspekte der sozialen Organisation oder als Ausdruck eines bestimmten kulturellen Wissens.
Weit davon entfernt, jede Quellengattung gleichermaßen als "Text" in ein übersetzungsverfahren einbinden zu wollen, das die unterschiedlichen Potentiale der Analyse schriftlicher und materieller überlieferung nicht ausreichend berücksichtigt, bietet eine semiotische Erweiterung des Konzepts der "materiellen Kultur" zweifellos interessante Ansatzpunkte zu einer konzeptuellen Erweiterung archäologischer Forschungsansätze. Ausgehend von diesem konzeptuellen Rahmen möchte die geplante Tagung epochenübergreifend Fragen der Interpretation materieller Kultur diskutieren und dabei die unseren Deutungen zugrunde liegenden theoretischen und methodologischen Prämissen explizieren. Zu diesem Zweck sollen innovative Beiträge zum archäologischen Studium der Bedeutungsdimension materieller Kultur präsentiert und diskutiert werden. Wir wünschen uns neben theoretischen Beiträgen, die sich um eine Verdeutlichung der oben skizzierten erkenntnis- und kulturtheoretischen Probleme bemühen, insbesondere einzelne Fallstudien, die unter Rückgriff auf kritisch gesichtetes Analogiematerial konkrete Zugänge zur funktionalen und inhaltlichen Deutung archäologischer Objektgruppen oder Deponierungspraktiken eröffnen.
Im Mittelpunkt der Tagung steht ganz eindeutig die Perspektive der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie einschließlich der mit ähnlichen Fragen befaßten Archäologie des Mittelalters. Gleichwohl sind wir uns bewußt, daß die Interpretation von Sachquellen nicht ein spezifisches Problem unseres Faches darstellt. Vielmehr kann die Frage nach der grundsätzlichen Relevanz von Studien zur materiellen Kultur, die gerade für die Ur- und Frühgeschichtswissenschaft von zentraler Bedeutung ist, sinnvoll nur fachübergreifend angepackt werden. Dabei sehen wir unser Fach als Teil einer weiter gespannten, empirisch ausgerichteten Kulturanthropologie.
In diesem Sinne halten wir es für geboten, wo immer dies sinnvoll möglich ist, im Rahmen der geplanten Tagung auch die Perspektiven angrenzender Kulturwissenschaften, die sich ebenfalls mit der Deutung materieller Kultur befassen (Klassische Archäologie, Altorientalistik, Ethnologie, Volkskunde, Geschichtswissenschaft usw.) einzubeziehen. Aus diesem Grunde möchten wir ganz gezielt auch Vertreter dieser Disziplinen um ergänzende Beiträge - sowie eventuell außerdem um eine kritische Kommentierung der vorliegenden archäologischen Ansätze - bitten.
PD. Dr. Veit
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Letzte änderung am 23. Mai 2000