Protokolle

Protokoll vom 22.10.1997
Protokoll vom 29.10.1997

Protokoll der Sitzung vom 22.10.1997
Alliierte Deutschlandplanung während des II. Weltkrieges

1. Welche Aspekte machen die Frage nach der alliierten Deutschlandplanung für die Zeitgeschichte interessant?
- Verständnis der alliierten Deutschlandpolitik als Weichenstellung für den Kalten Krieg
- Auswertung des zweifachen Kriegsbeginns durch Deutschland und Umgang anderer Mächte mit Deutschland als militärischem Aggressor
- Fokussierung der Weltgeschichte auf deutschland-spezifische Gesichtspunkte führt zur Überschätzung der Deutschlandfrage in der Alliiertenpolitik während des II. Weltkriegs, Deutschland war nur ein Aspekt unter vielen im Rahmen der Alliiertenkonferenzen, erst in der Blockbildung wurde Deutschland für die Weltmächte strategisch bedeutend.

2. C. Kleßmann. Interessen, Planungen und Vereinbarungen der Alliierten bis zur Potsdamer Konferenz. In: Derselbe. Die doppelte Staatsgründung. Göttingen 1982. S. 19-35. Erörterung verschiedener Aspekte des Aufsatzes, vgl. dazu Text und Handout Frau Dr. Schraut:
- Interessen und Konzepte der Alliierten während verschiedener Phasen des II. Weltkrieges
- Beispiele territorialer Neuordnung anhand der konstruierten Kategorie Ethnie und ihre Aktualität (Jugoslawienfrage)
- Mächtekonstellation nach dem II. Weltkrieg als Ausgangssituation der Verhandlung über die Deutschlandfrage
- Bedeutung des Sicherheitsdenkens in der alliierten Deutschlandplanung vor 1945
- Bewertung der zahlreichen divergierenden Konzepte für Deutschland während des Krieges Davon tatsächlich beibehaltene Forderungen:
a Besetzung Deutschlands
b Entnazifizierung
c Demokratisierung
d Dezentralisierung als indirekte Maßnahme zur Demokratisierung durch die Schwächung autoritärer Machtstrukturen
e Entmilitarisierung
f Wirtschaftskontrollen
g

3. Diskussion der Eingangsfrage des Kleßmann-Textes:
„Wieweit, ... ist die Besatzungspolitik nach 1945 bereits vorher präformiert worden und wieweit waren die Konflikte, die in der Phase des offenen Kalten Kriegs sichtbar in Erscheinung traten, schon Jahre zuvor angelegt? Wieweit stellten die ersten Nachkriegsjahre eine mehr oder minder offene Situation dar, der eine noch unklare Politik der Alliierten entsprach?" Kleßmann, C. S.19.
Meinungen im Seminar:
- Die unterschiedliche Einschätzung und Gewichtung entweder von Aussagen in den Verhandlungsprotokollen oder von historischen Ereignissen führt zu divergierenden Beurteilung der politischen Lage Deutschlands 1945.
- Aus gemeinsamen Erklärungen wurden getrennte Konzepte, deren Auseinanderstreben von Beginn an durch die deutliche, weltanschauliche Differenz unter den Alliierten gegeben war.
- Auf Grund der unterschiedlichen Interessen der alliierten Verhandlungspartner war eine Teilung in Ansätzen bereits früh deutlich. Von Beginn an bestehende Konflikte und Probleme haben sich später in der Teilung Deutschlands niedergeschlagen.
- Bei so unterschiedlichen Partnern konnte nicht von einer friedlichen Einigung in der Deutschlandfrage ausgegangen werden. Die Besetzung des Landes in getrennten Zonen kam einer Teilung bereits gleich.
- Bewertungen, die von einer Absehbarkeit der deutschen Teilung ausgehen, begreifen die Entscheidungen der Alliierten aus der historischen Distanz. Versetzt man sich in die Lage der politisch-militärischen Entscheidungsträger der Alliierten während der letzten Kriegsjahre des II. Weltkriegs, so ist kaum möglich, daß diese wußten, was im Zuge der Deutschlandfrage auf sie zukam. Zahlreiche Ereignisse haben Planungen zurückgestellt, die Alliierten wurden vom zeithistorischen Prozeß überrollt. Allein zwei grobe Tendenzen ließen sich schon früh ausmachen:
1. Das Vordringen der Sowjetunion in Europa, auch in Richtung Westen
2. Das Interesse der USA an einer weltweiten Machtposition
- Dazu wird zu Bedenken gegeben, das Churchills Lagebeurteilung vom 12. Mai 1945 bereits frühe Bedenken bezüglich der Blockbildung dokumentiert, während Roosevelt noch einen schnellen Rückzug aus Deutschland verkündet. In Europa sah man der Besatzung Deutschlands nach Zonen also bereits früh skeptisch entgegen.
- Rückblickend ist zu bedenken, daß die veränderte Konstellation in Europa nach dem II. Weltkrieg – im Vergleich zur Zeit davor – erst allmählich deutlicher erkennbar wurde. Die vorherigen Kolonial- und Weltmächte Frankreich und England hatten ihre starken Positionen eingebüßt. Die Sowjetunion war mit ihren enormen Verlusten an Menschen und Material nach dem Krieg enorm geschwächt. Die rasante Ausweitung ihrer Einflußzone wurde so zunächst unterschätzt. Der Ostblock war noch nicht definitiv formiert und kommunistisch. Die Europapolitik der USA war unentschlossen. So war zwar die Interessenlage bald zu erkennen, ihre Durchsetzung blieb jedoch lange fraglich.

PROTOKOLL ZUR SITZUNG VOM 29.10.1997

Im Anschluß an das Referat "Entscheidungen in Potsdam" ergaben sich eine Reihe von Fragen und Problemfelder, deren wichtigste Ergebnisse kurz zusammengefaßt wiedergegeben werden sollen.
- Inwiefern war die Potsdamer Konferenz überhaupt beschlußfähig?
Bei dem Potsdamer Abkommen handelte es sich in einigen Punkten (so z.B. in der Frage der deutschen Ostgrenze) um vorübergehend getroffene Entscheidungen, die in einer weiteren Friedenskonferenz geregelt werden sollten. Zum Zeitpunkt der Potsdamer Konferenz konnte jedoch kein "festerer" Vertrag getroffen werden.
- War die Abtrennung der deutschen Ostgebiete schon zum Zeitpunkt der Konferenz und kurz danach von allen Seiten akzeptiert und beschlossen?
Für eine solche Annahme liegen keine eindeutigen Beweise vor, jedoch gibt es Indizien, die für Überlegungen in diese Richtung sprechen:
1. die getroffene Zonenaufteilung
2. Umsiedlungen und Vertreibungen, die schon im Frühjahr 1945 einsetzten, und die auch im Dezember noch durch einen, vom Kontrollrat verabschiedeten Umsiedlungsplan vorangetrieben wurden.
3. Zugeständnis an die überragende Position der UdSSR, die ursprünglich als Verbündeter gegen Japan vorgesehen waren.
-Wie erfolgte die Organisation der Besatzungszonen?
An der Spitze Deutschlands befand sich der Alliierte Kontrollrat, dessen Entscheidungen einstimmig getroffen werden mußten, (was eine gewisse Autonomie der Zonen zur Folge hatte,) und der sich aus Vertretern der vier Besatzungszonen konstituierte. Jede Zone war durch ihren Militärgouverneur vertreten.
-Warum griffen die Alliierten auf eine Militärregierung zurück, wenn doch demokratische Strukturen in Deutschland errichtet werden sollten?
Dafür gab es sowohl inhaltliche als auch pragmatische Gründe: In den Augen der Besatzungsmächte waren die Deutschen ein "Volk voller Nazis", das erst einmal zu demokratischem Denken umerzogen werden mußte. Darüber hinaus befand sich das Militär schon auf deutschem Boden.
-Wie ging man im besetzten Deutschland bei der Regelung von Gesetzen vor?
Für einen zonenübergreifenden Erlaß war der Alliierte Kontrollrat zuständig; bei Entscheidungen, die nur eine Zone betrafen, der betreffende Militärgouverneur. Darüber hinaus war man gleichzeitig auch noch der Heimatregierung der jeweiligen Besatzungsmacht verpflichtet. Diese drei Instanzen konkurrierten oftmals miteinander, und das gesamte Modell förderte letztendlich auch die Teilung Deutschlands.
-Frage nach der juristischen Qualität des Abkommens?
Es handelt sich hierbei um keinen juristisch unanfechtbaren Vertrag, aber es wurden dadurch Tatsachen (so z.B. die Umsiedlung der Bevölkerung aus den ehemals deutschen Ostgebieten) geschaffen, die aus heutiger Sicht irreversibel sind. Die polnische Westgrenze wurde rechtlich erst mit dem Wiedervereinigungsvertrag von 1990 anerkannt.
-Inwieweit waren die Zwangsumsiedlungen gerechtfertigt? Ist ein Vergleich mit der Situation im ehemaligen Jugoslawien tragbar?
Nach der Vertreibung und Umsiedlung der Deutschen siedelten vornehmlich vertriebene Polen in den ehemals deutschen Gebieten an, die aufgrund polnischer Gebietsabtretungen an die Sowjetunion ihre Heimat verloren hatten. Hinsichtlich des eigenen Verhaltens in einem autoritären System während des Dritten Reiches waren die Deutschen zu diesem Zeitpunkt keineswegs in der Lage, einen moralischen Standpunkt als Opfer in diesem Konflikt zu beziehen. Ein Vergleich mit Jugoslawien wurde teilweise aufgrund der ethnischen Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung in den polnischen Gebieten abgelehnt.
-Stichwort: Entnazifizierung
Der Umgang der Alliierten mit den Deutschen war hauptsächlich bestimmt durch die Öffnung der Konzentrationslager und durch zermürbende Kämpfe trotz Kriegsende. Objektive und präzise Betrachtungen, die zum Zeitpunkt der Konferenz genaueres Wissen zu der tatsächlichen Anzahl der NS-Repräsentanten ermöglicht hätten, gab es kaum (so auch die im Referat erwähnte britische Statistik).

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