Das moderne, von drei Kulturgemeinschaften - der niederländischen, französischen und
deutschen - getragene Belgien scheint auf den ersten Blick ein Vorbild für eine gelungene
Sprachpolitik und Integration kultureller Gruppen wider alle nationalstaatlichen Erfahrungen
darzustellen. Bei näherem Hinsehen gewinnt man jedoch den Eindruck eines hoch
komplexen, äußerst problematischen und labilen Staatsgefüges, für das die Institutionalisierung
von Konfliktpotential, die sich mit dem Parlamentarismus im 19. Jahrhundert durchsetzte,
keinesfalls eine Ideallösung darstellt, und gerade die belgische und ‘europäische’
Hauptstadt Brüssel steht dabei im Brennpunkt. Ich will in der Arbeit zunächst wichtige
politische, soziolinguistische und administrative Grundstrukturen Belgiens im Allgemeinen
(Kap. 2) und Brüssels im Besonderen (Kap. 3) vorstellen und die im ‘Sprachenstreit’ kulminierenden
Konfliktlinien historisch nachzeichnen. Danach sollen Bedeutung und Möglichkeiten
des sprachpolitischen ‘Systems Belgien’ für ein vereintes Europa in Auswahl diskutiert
werden (Kap. 4), wobei ich Diskussionspunkte weiterführen möchte, die aus der Diskussion im Rahmen des
Hauptseminars "Eine Sprachpolitik für Europa?" erwuchsen, das im Wintersemester 1998/99 am
Romanischen Seminar der Universität Tübingen
unter Leitung von Prof. Brigitte Schlieben-Lange stattfand. Ich möchte noch darauf aufmerksam machen, daß die ursprüngliche
Version dieser Arbeit nicht für die Benutzung im Internet gedacht war. Da ich aber viel mit den
offiziellen Homepages der verschiedenen belgischen Regierungen gearbeitet habe, sind die wichtigsten
Websites am Ende der Arbeit noch einmal zusammengestellt. (Kap. 7).
‘Sprachpolitik’ wird ja traditionell als
Teil der Bildungs- und Kulturpolitik eines Staates verstanden, durch die die Grundbedingungen
für die Sozialisation der Menschen geschaffen werden. Bereiche, wo eine solche
Sprachpolitik ansetzt, sind Familie, Kirchen, Vereine, Parteien, Parlament, Armee, Justiz,
Schule und der ganze Bereich der öffentlichen Meinung. (Vgl. Erfurt 1992:11f.) Nach Astrid von Busekist läßt
sich Sprachpolitik aber auch verstehen "au sens large de la transformation de convictions
circonscrites en enjeux collectifs, de l’inscription de ces enjeux sur l’agenda politique de
l’administration de l’Etat" (Busekist 1998: XVII) - kurz als Versuch einer umfassenden Politisierung gesellschaftlicher
Gruppen auf der Ebene der Sprache. Gerade dieser Primat der Sprache scheint mir
am soziopolitischen Gefüge des heutigen Belgien das Charakteristische zu sein. Ihm und
seinen Auswirkungen auf ein vereintes Europa möchte ich im Folgenden nachforschen.
2.1. Die Trennlinie zwischen dem germanischen und dem romanischen Sprachbereich verläuft schon seit dem frühen Mittelalter in etwa an der Stelle, wo sie auch heute noch liegt. Sie trennt den Bereich der niederländischen Dialekte (Flämisch, Brabantisch, Limburgisch) im Norden von dem der französischen Dialekte (Pikardisch, Wallonisch, Lothringisch) im Süden und vom deutschsprachigen Gebiet um Eupen und St. Vith im Osten, das allerdings erst seit 1919 zu Belgien gehört. (1) Noch bei der Gründung des belgischen Staates 1830/1 spielte diese Sprachgrenze eine untergeordnete Rolle. Wichtiger waren - in Abgrenzung zum Königreich der Niederlande - dieselbe katholische Konfession und die Tatsache, daß die fortschrittliche bürgerliche Elite, die den neuen Einheitsstaat mit seinen neun Provinzen vom Machtzentrum Brüssel aus regieren sollte, französisch sprach und das Französische de facto zur Staatssprache machte. Die ‘vereinheitlichenden’ Wirkungen beispielsweise des staatlichen Schulwesens, die Binnenmigration und Urbanisierung führten zur Verdrängung des Dialekts aus immer mehr Lebensbereichen. In der frankophonen Wallonie, die im 19. Jahrhundert stark industrialisiert wurde, verlief dieser Verdrängungsprozeß vergleichsweise glimpflich. Dieselbe Entwicklung schuf im ökonomisch benachteiligten, flämischen Norden, da in der Öffentlichkeit die französische ‘High Variety’ dominierte, die Grundlagen zu einem Bilinguismus, der wiederum den Anstoß zur Gründung der ‘Flämischen Bewegung’ (Vlaamse beweging) gab. Diese zunächst kleinbürgerlich dominierte, politisch zersplitterte Bewegung konnte seit den 1870er Jahren erste Erfolge verbuchen und Sprachregelungen in Verwaltungen und Gerichten (1873, 1878, 1921), in Armee und Bürgerwehr (1888, 1897), in der Schule (1883, 1914) und der Universität (Gründung der flämischen Universität Gent 1930/31) durchsetzen. 1893 wurde durch die Abschaffung des Zensuswahlrechts der Einfluß des Großbürgertums zurückgedrängt, zugleich der Grundstein für die für Belgien charakteristische, soziopolitische ‘Versäulung’ (verzuiling, pilarisation) gelegt - in Deutschland würde man eher von ‘Milieubildung’ sprechen. Seit 1898 ist das Niederländische dem Französischen praktisch gleichgestellt. Die Erfolge der ‘Flaminganten’ riefen allerdings schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch Gegenbewegungen der Wallonen im liberalen und sozialistischen Lager hervor. Im 20. Jahrhundert verlagerte sich neben dem demographischen zunehmend auch das wirtschaftliche Gewicht nach Norden. Eine neue, dezidiert flämische Elite entstand, und sie kämpfte für sprachliche Homogenität in Flandern, die 1932 ebenso wie in der Wallonie eingeführt wurde. (Vgl. Erfurt 1992:4-9; Francard 1993:317-319; Alen 1995:14-20; Busekist 1998:XVIIIf; Delwit/de Waele 1997:8-10.)
2.2. Auf einer eher soziolinguistischen Ebene betrachtet liegt diesem Streben nach sprachpolitischer Territorialisierung ein Minderwertigkeitsgefühl der Flamen gegenüber den Frankophonen zugrunde, was aus der Auseinandersetzung um die zwischen 1846 und 1947 durchgeführten Sprachstatistiken ersichtlich wird:
"To define the ‘main’ language, Flemings suggested using the expression ‘own’ language while French-speaking people [...] preferred to speak about ‘chief’ language. [...] [T]he government decided that the questions put in the censuses would be about the ‘most frequently used’ language. Thus we see three possible interpretations for the word ‘main’." (Levy 1978:12.)
Während also die Flamen für das Sprechen ihrer eigenen Sprache in einem territorial genau festgelegten Bereich kämpften, nahmen die Frankophonen für sich die Freiheit der Sprachwahl auf der Basis des Individualitätsprinzips in Anspruch, das auch der ersten belgischen Verfassung zugrunde lag. Für sie war Französisch sozusagen ihre langue de culture, die aber auch das Sprechen anderer Varietäten zuließ. Noch 1959 wollten Flamen nicht über ihren ‘Dialekt’ befragt werden, weil sie dies als Herabwürdigung ihrer Sprache empfanden. Dieses Moment im flämischen Sprachbewußtsein hat im Zuge der Territorialisierung der Sprachgebiete dazu geführt, daß offizielle Spracherhebungen seit den sechziger Jahren generell vermieden werden, obwohl inoffizielle Statistiken weiterhin für den Streit der Sprachgemeinschaften um Brüssel eine große Rolle spielen. (Vgl. Levy 1978:14f.) (2)
2.3.1. Der politische Kampf für die eigene Sprache impliziert Abgrenzung und daher die Idee einer Sprachgrenze, die allerdings ein kompliziertes, künstliches Gebilde ist:
"The official linguistic border corresponding to the wishes of many Flemings is a continu- ous geometric line, being the sum of administrative borders between boroughs, counties and provinces supposedly of different languages. The real linguistic border is a ribbon of variable width, a non-speaking zone, a non man’s land between the last house where a Germanic language is spoken and the first house where a Romance dialect is vernacular." (Levy 1978:15.)
Seit 1932 hat sich das Territorialitätsprinzip in Belgien sprachpolitisch durchgesetzt. Da im Zweiten Weltkrieg radikale ‘Flaminganten’ mit den deutschen Besatzern kollaborierten, war die ‘Flämische Bewegung’ zwar bis in die fünfziger Jahre hinein diskreditiert. Jedoch konnten sich die Flamen schließlich mit den Sprachgesetzen von 1962/63 durchsetzen, in denen die Sprachgrenze ‘für immer’ festgelegt und somit der Grundstein zum heutigen Föderalismus gelegt wurde. Belgien bestand fortan aus vier Sprachgebieten: dem flämischen, in dem 57,6% der Bevölkerung Belgiens von 10,2 Mio. (1996) leben, dem frankophonen mit 32,43%, dem deutschsprachigen mit 0,68% und dem zweisprachigen Gebiet von Brüssel, in dem 9,29% der Belgier wohnen. (3) Um sprachliche Minderheiten in den Übergangszonen zu schützen, erhielten insgesamt 27 Gemeinden im Land - darunter die zehn "Sprachgrenzgemeinden" und die sechs "Randgemeinden" von Brüssel - einen Sonderstatus, der in Schule und Verwaltung "Spracherleichterungen" für die Minderheiten gewährt. "Diese Spracherleichterungen umfassen das Recht der anderssprachigen Bürger, von den Gemeindeverwaltungen den Gebrauch einer anderen Sprache als diejenige des einsprachigen Sprachgebietes, in dem die Gemeinde sich befindet, zu verlangen." (Alen 1995:25f.) Die Angleichung der Sprachgrenze führte auch zum Austausch von jeweils mehr als 20 Gemeinden zwischen Wallonie und Flandern.
2.3.2. Dieser ‘linguistic turn’ der belgischen Politik und daraus resultierende Krisen wie beispielsweise die Affäre um die Neugründung der frankophonen Universität Louvain-la-Neuve 1968/9 führten auch zum Erscheinen von Sprachparteien wie der Volksunie und des Front démocratique des Bruxellois francophones (FDF), die seither die Parteienlandschaft neben den traditionellen sozialistischen, christsozialen und liberalen Kräften bestimmen. Auch diese ‘versäulten’ Parteien sind seither nach Sprachen getrennt. (Vgl. Delwitt/de Waele 1997:14-17.) Mit der Verfassungsänderung von 1970, ihren Erweiterungen 1980 und 1988 und der neuen Verfassung von 1993 wurde die Sprachgrenze zwischen dem flämischen Norden und dem frankophonen Süden zur politischen Grenze gemacht. Belgien ist seither aufgeteilt: einerseits in drei Gemeinschaften, die niederländischsprachige, französischsprachige und deutschsprachige (letztere seit 1983), die für sprachliche und kulturelle Angelegenheiten (Kultur- und Bildungspolitik, Sozialpolitik, Sprachgebrauch etc.) zuständig sind. Andererseits schuf man 1980 die Regionen Flandern und Wallonie und 1988 die eigenständige Region Brüssel-Hauptstadt, denen die ‘territorialitätsgebundenen’ Sachbereiche wie Wirtschafts-, Energie-, Umwelt-, Beschäftigungs-, Verkehrspolitik etc. unterstehen. Innerhalb ihrer Kompetenzen sind Regionen und Gemeinschaften auch von der Staatsebene ‘unabhängig’. Sie haben eigene Verwaltungen, je einen Rat, dessen Mitglieder direkt für fünf Jahre gewählt werden, und eine Regierung und können - mit Ausnahme von Brüssel - Dekrete mit Gesetzeskraft erlassen. In Flandern sind die beiden Räte und Regierungen vereint und haben ihren Sitz in Brüssel (Vlaamse Raad); der Regionalrat der Wallonie und der französische Gemeinschaftsrat tagen hingegen getrennt in Namur bzw. Brüssel. (Vgl. Alen 1995:28-32, 38; Witte 1992:97-104.)
2.3.3. Seit Anfang 1994 ist Belgien auch verfassungsrechtlich ein föderaler Staat, in dem die Regionen und Gemeinschaften ausschließlich für ihre Sachgebiete zuständig sind: nicht ‘Bundesrecht bricht Landesrecht’ wie in der BRD, sondern Gleichstellung und eine komplizierte Aufteilung der Kompetenzen auf der Basis von ‘Kooperation’, die von einem Schiedshof überwacht wird. Der belgische Staat, dessen oberster Repräsentant der König ist, dem als Schlichter- und Integrationsfigur eine wesentliche Rolle zukommt, ist seither nur mehr für die Bereiche Finanzen, Justiz, Landesverteidigung, Sozialversicherung, Währungspolitik, Äußeres und weitgehend auch für öffentliche Wohlfahrt und innere Sicherheit zuständig. Bei ihm liegen jedoch alle ‘Restkompetenzen’ sowie die Vertretung aller Staatsglieder gegenüber NATO und UNO. Die Legislative besteht aus einer direkt gewählten Kammer, die durch die Aufteilung der Wahlkreise die Sprachgruppen repräsentiert, und einem eher ‘unitaristisch’ zusammengesetzten Senat und hat neben den genannten Zuständigkeiten auch direkten Einfluß auf die Region Brüssel-Hauptstadt. Der Minderheitenschutz für Flamen in Brüssel und für Wallonen auf Staatsebene wird besonders über zwei parlamentarische Garantien geregelt: das "Verfahren der Alarmglocke" und die "mit besonderer Mehrheit verabschiedeten Gesetze". Ersteres kann eine Gesetzesinitiative abblocken, wenn sie von mehr als drei Vierteln einer Sprachgemeinschaft abgelehnt wird, wohingegen bei Letzteren nach Sprachgruppen abgestimmt wird. (Vgl. Alen 1995:32f.) In hohen Staatsämtern wie z.B. dem Ministerrat, in der Staatsverwaltung wie auch in den Behörden von Brüssel-Hauptstadt herrscht Parität.
2.4. Der zentrifugale, zweigliedrige und territoriale Charakter des belgischen Föderalismus, den der Verfassungsrechtler André Alen hervorhebt (vgl. ebd. 40f), führte allerdings immer wieder dazu, daß anders verlaufende sprachliche Entwicklungen, die ja an den ‘für immer’ festgelegten Sprachgrenzen nicht halt machen, innenpolitische Krisen auslösten, die das ganze System ins Wanken brachten und die enge Verbindung des Sprachkonflikts mit Grundproblemen des Staates, wie z.B. hohe Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung, ‘Versäulung’, Kompetenzgerangel, aufgeblähter Behördenapparat, Korruption, auf die im einzelnen nicht eingegangen werden kann, erkennen lassen. Im Falle der kleinen Gemeinde Voeren/Fourons - sie hatte 1961 nur 4299 Einwohner -, die 1962 gegen den Willen ihrer mehrheitlich frankophonen Einwohner von der Provinz Lüttich an die flämische Provinz Limburg kam, zog sich der Konflikt über 25 Jahre hin und führte 1987 sogar zum Sturz der christlich-liberalen Regierung von Wilfried Martens. Schuld war die Wahl eines Bürgermeisters, des heutigen EU-Abgeordneten José Happart, der kein Niederländisch konnte. (Vgl. McRae 1986:152f; Erfurt 1992:10; Witte 1992:100.) Hauptstreitpunkt zwischen Flamen und Frankophonen ist jedoch die Rolle Brüssels.
3.1. Die urbane Mehrsprachigkeit Brüssels ist wie diejenige von Schweizer Städten wie Fribourg geprägt durch ihre Lage an der Sprachgrenze und die "Kopräsenz der Sprachen", die sich auf ihr jeweiliges "Hinterland" stützen. (Kallmeyer 1987:88.) Doch "since changes in the use of languages are always related to economic and social changes (industrialization, migrations, urbanization, etc.) nothing makes it compulsory that the change should take place at the border and not inside the territory." (Levy 1978:14.) Man muß daher, nach Werner Kallmeyer, genau untersuchen, wie sich der Prozeß der Urbanisierung in bezug auf das Umland entwickelt, ob beispielsweise ein ursprünglich ländliches Umfeld sich immer mehr der Stadt öffnet oder ob durch Zuzug urbaner Bevölkerung mehrere Kulturen koexistieren. All das ist in Brüssel der Fall, und darüber hinaus kommt auch dort Mehrsprachigkeit durch Migration, besonders "Arbeitsmigration" (Kallmeyer 1987:88) zustande. Auf die komplexe soziolinguistische Situation in Brüssel kann daher nur kurz eingegangen werden, obwohl sie mit den sozialen und politischen Konfliktlinien direkt zusammenhängt. Auch sind Zahlen - besonders aktuelle - schwierig zu ermitteln, da sie auf politisch ganz unterschiedlich motivierten, wenig verläßlichen Daten beruhen, die aus Indikatoren wie der Medienbenutzung, der Zahl niederländisch- und französischsprachiger Studenten in Brüssel, der Quote der auf niederländisch oder französisch ausgestellten Personalausweise und Führerscheine etc. 'rekonstruiert' werden. Die wichtige Gruppe der Zweisprachigen taucht dabei allerdings nicht auf. (Vgl. McRae 1986:297-300.)
3.2. Das Gebiet der Region Brüssel-Hauptstadt ist heute offiziell zweisprachig, de facto hat
sich hier aber das Französische weitgehend durchgesetzt. Schon seit dem 18. Jahrhundert
waren Brüssels bürgerliche Oberschicht und auch Teile der Mittelschicht frankophon, und
spätestens seit der Gründung des belgischen Staates galt das Französische den flämischen
Unterschichten und den vielen Arbeitsmigranten aus Flandern und der Wallonie als Sprache,
die soziale Mobilität versprach. Da es zu Beginn der Industrialisierung und Urbanisierung
im 19. Jahrhundert anders als in Gent und Antwerpen kein Industrieproletariat in
Brüssel gab, kam es dazu, daß "the lower classes of Brussels were much more influenced
by middle-class values than elsewhere in the country" (Willemyns/van de Craen 1988:126), und Brüssel wandelte sich zu einer
eher frankophonen Stadt: 1866 waren laut offizieller Statistik 19,3% französisch-, 46,2%
niederländisch- und 31,7% zweisprachig; 1947 - bei der letzten offiziellen Erhebung für
ganz Belgien - waren 37% französisch-, 9,5% niederländisch- und 43,9% zweisprachig. (Vgl. McRae 1986:295, 297.)
Dieser von den Flamen als verfransing (etwa ‘Französisierung’) gebrandmarkte Prozeß hat
dazu geführt, daß in den 19 Stadtgemeinden der Region Brüssel heute nur noch rund 18%
der Bevölkerung Niederländisch sprechen. Doch ging durch Zuzug vieler Frankophoner
der Urbanisierungsprozeß insbesondere an der südlichen Peripherie in Richtung Wallonie
weiter, was besonders seit der endgültigen Festlegung der Sprachgrenzen 1962/3 zu einem
administrativen Problem wurde. Den Frankophonen wurden in sechs Randgemeinden
‘Spracherleichterungen’ zugestanden, aber seit der Bildung der Regionen konnten sie beispielsweise
nicht mehr im Wahlbezirk Halle-Vilvoorde, sondern mußten seit 1978 von
einem fiktiven Wohnsitz in Brüssel aus wählen. Und mit der Auflösung des
‘Arrondissements’ Brüssel und des Conseil économique de la région bruxelloise wurden Raumplanung
und Wirtschaft erheblich erschwert, was zu einem städtebaulichen Niedergang führte,
für den man das Wort ‘bruxellisation’ geprägt hat. Trotz all dieser Defizite haben flämische
Politiker die Sprachgrenze bislang verteidigt und die Auseinandersetzung weiter polarisiert.
Bei ihnen ist Brüssel der frankophone ‘Ölfleck’ (olievlek) im flämischen Territorium,
wohingegen frankophone Politiker diese Grenze als ‘Halseisen’ (carcan) empfinden.
3.3.1. Die ‘autochthone’ Varietät, das in Brüssel gesprochene Brabantisch, ist heute gene-
rell im Schwinden begriffen: "ursprünglich ein germanophones Substrat", ist es "heute
noch ein flämisches Adstrat" des Französischen (Schmitt 1990:718; vgl. Baetens Beardsmore 1979:227-230); einsprachige Flämischsprecher gibt es
faktisch nicht mehr. Der von Baetens Beardsmore erforschte, besonders im Kleinbürger-
und Arbeitermilieu verbreitete Bilinguismus, der durch eine enorme Fähigkeit zum ‘code-switching’
auffällt, beeinflußt generell das regionale Französisch von Brüssel, je nach
‘Sprachdomäne’ zu Hause, in der Schule, im Umgang mit Behörden, mit Freunden, im
Geschäft etc. 1969 gaben immerhin 50% der Frankophonen und 84% der Niederländischsprachigen
an, Sprachkompetenzen in der jeweils anderen Sprache zu besitzen. Insofern
steht die faktische Zweisprachigkeit vieler Brüsseler, die "identité métisse" (Rosenzweig 1998) der Stadt, den
homogenisierenden Forderungen der Sprachparteien gegenüber. Studien aus den siebziger
Jahren zur Identität der ‘autochthonen’ Brüsseler haben gezeigt, daß sich auf der niederländischsprachigen
Seite viele eher als ‘Brüsseler Flamen’ denn als ‘flämische Brüsseler’ sehen,
was die Bedeutung Brüssels als alte flämische Hauptstadt und ihre enge, in erster Linie
ökonomische Verflechtung mit der Provinz Brabant (bzw. Vlaams-Brabant) unterstreicht.
Auf der anderen Seite betrachten sich viele Französischsprachige eher als ‘frankophone
Brüsseler’ denn als ‘Brüsseler Frankophone’ oder gar Wallonen, während unter den alteingesessenen,
zweisprachigen Brüsselern probelgische Gefühle überwiegen: "Een Brusselaar is
bilingue en belge avant tout." (Zit. nach McRae 1986:304.) (4)
"In this milieu the language conflict in the capital tends to be seen as something imported by Flemish and Walloon immigrants, and ‘real’ or autochthonous Brusselers perceive intuitively [...] that the capital area stands to lose from any reduction in its role as a bridge and mediator between the other regions." (McRae 1986:304)
Das dezidiert flämische Element wird heute hingegen vornehmlich von außen in die Stadt getragen. Die schmale, selbstbewußte Schicht der Brüsseler Flamen, beispielsweise repräsentiert durch einen rund 12-15%igen Anteil niederländischsprachiger Schulen, bringt ihre Verbundenheit mit Flandern zuweilen aggressiv zum Ausdruck, wie zahlreiche Demonstrationen radikaler flämischer Parteien in den siebziger und achtziger Jahren gezeigt haben. Auch ist der zweisprachige Status Brüssels nicht zuletzt für die rund 300.000 Pendler, von denen zwei Drittel täglich aus dem flämischen Umland in die Stadt kommen, sehr attraktiv. (Vgl. McRae 1986:314-317; Bernard/Javeau 1997:253; Vilrokx 1978:66-69.)
3.3.2. Obwohl Zweisprachigkeit heute durchaus als Chance auf dem Arbeitsmarkt angesehen wird, hat Freddy Louckx aber bereits in den siebziger Jahren bei jüngeren Brüsselern eine Tendenz zu mehr sprachlicher Einheitlichkeit festgestellt, wobei der Assimilationsdruck des Französischen offensichtlich weiterhin stark ist. (Vgl. Louckx 1978:59) (5) Peter J. Weber hat in einer in mancher Hinsicht problematischen Studie den traditionellen Untersuchungsgegenstand um einen wesentlichen Aspekt erweitert, der im übrigen in Brüssel immer eine wichtige Rolle gespielt hat: die Arbeitsmigranten, die insbesondere aus dem mediterranen Raum stammen und heute ca. ein Viertel der Bevölkerung Brüssels ausmachen. Während die alteingesessenen Brüsseler meistens angeben, neben Französisch und/oder Niederländisch auch Englisch zu sprechen, besitzen die Migranten neben ihrer ‘Muttersprache’ vor allem Kenntnisse in Französisch. Weber zufolge gelingt Letzteren also nur die Integration in eine der beiden Sprachgruppen, während "das Konfliktpotential zwischen Flamen und Wallonen bestehen" bleibt und auch "die Mehrsprachigkeit nicht von allen Bürgern getragen" wird. (Weber 1997:190) (6) Brüssels Bedeutung als Wirtschaftsraum, als belgische und zunehmend auch europäische Hauptstadt hat auch dazu geführt, daß die rund 10.000 Funktionäre der EU, NATO und die Mitarbeiter der großen Konzerne verstärkt einen englischen Akzent in die Stadt bringen. Die Sprachkompetenz in Englisch ist jedoch auch sozioökonomisch verschieden, da nach Weber rund die Hälfte der Angestellten, aber nur knapp ein Viertel der Arbeiter ausreichende Kompetenzen in Englisch besitzen, was an eine gewisse "Elitemehrsprachigkeit" denken läßt. (Ebd. 188; vgl. Bernard/Jareau 1997:250-258.)
3.4. In Brüssel kommt die Zerrissenheit Belgiens in sprachpolitische Interessensphären am deutlichsten zum Ausdruck. Als Wirtschaftsraum wird die Region Brüssel-Hauptstadt heute noch immer vor allem sprachpolitisch eingegrenzt und von seinem Umland abgeschnitten. Der soziokulturellen und sprachlichen ‘Identität’ wird dabei kaum Rechnung getragen. Aber Brüssel als ein von ganz eigenen sozioökonomischen, sprachlichen und politischen Prozessen gelenkter urbaner Raum, als ‘Melting-Pot’ verschiedenster Kulturen und als institutioneller "Wasserkopf" (Alen 1995:52) im auf fragilen Kompromissen fußenden Staatsgefüge läßt sich eben nicht der ideellen "identité culturelle" (Busekist 1998:XIX) unterordnen, die das territoriale Denken der politisierten Sprachgruppen bestimmt.
4.0. Welche Perspektiven bieten sich für einen künftigen Staat Belgien und seine wirtschaftlich wie kulturell autonomen Regionen: "rêve d’indépendance en Flandre, rêve de retour dans le giron de la France en Wallonie, cauchemar d’un destin ‘sarajévien’ à Bruxelles"? (Rosenzweig 1997.) Und wie sieht das in einem gesamteuropäischen Kontext aus?
4.1.1. Wenn hier von einem ‘System’ Belgien die Rede ist, meint dies vor allem das politische System Belgiens, das sowohl vor Roland Posners "system-theoretic considerations" (Posner 1991:125), denen die Vorstellung eines Zentrum-Peripherie-Modells zugrunde liegt, als ‘Nationalstaat’ mit festen Grenzen und dem Zentrum Brüssel bestehen kann, wie es auch im Sinne eines systemtheoretischen ‘Klassikers’ wie Niklas Luhmann als regional segmentiertes "Teilsystem" der Gesellschaft vorstellbar ist.(7) Die Rolle Brüssels ist dabei so wichtig wie kompliziert. Als ökonomisches wie politisches Zentrum eines ‘nationalen’ Raums hat es eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Es wird heute allerdings auf der einen Seite von regionalistischen Tendenzen eingeengt, auf der anderen Seite wächst die Bedeutung Brüssels als ‘Hauptstadt Europas’ über jeglichen regionalen oder nationalen Rahmen hinaus. Weder der augenblickliche carcan noch etwaige Vorstellungen eines europäischen Hauptstadtbezirks à la Washington D.C. können die Tatsache verschleiern, daß Brüssel auf ein Hinterland angewiesen bleibt. Die sprachliche Zweiteilung der politischen Szene, die komplizierte Aufteilung der politischen Zuständigkeiten zwischen Staats-, Gemeinschafts- und regionaler Ebene, die beispielsweise dazu führte, daß Belgien im Bereich Wirtschaft heute schon theoretisch mit vier Ministern auf einer EU-Wirtschaftskonferenz vertreten sein müßte, lassen darüber hinaus an der Geschlossenheit des politischen Systems, an seinem ‘systemischen’ Charakter generell zweifeln. Dafür spricht auch die von Journalisten und Politikern immer wieder beklagte ‘Politikverdrossenheit’, die allerdings auch Folge einer Krise des Parlamentarismus ist, die in anderen europäischen Ländern spürbar ist.
4.1.2. Das ‘kommunitaristische’ System Belgiens, das nur der Form nach ‘föderalistisch’ genannt werden kann, hat die relativ klare Trennung zwischen europäischer, nationaler und regionaler Ebene verwischt und die Dinge unnötig kompliziert und kostspielig gemacht. Um dies auszugleichen, könnte man sich in einem vereinten Europa auch eine politische Neuaufteilung der belgischen Gebiete vorstellen - ohne ‘strikte’ Außengrenzen, aber mit regionalen Zentren in der Wallonie, in Flandern und in einer erweiterten, mehrsprachigen Region Brüssel, etwa auf der Grundlage der (ungeteilten) Provinz Brabant. Ob dies indessen finanziell und ökonomisch auch machbar ist, soll dahingestellt sein.
4.2.1. Auf kulturpolitischem Gebiet scheint die Trennung zwischen Flamen und Wallonen schon weitgehend vollzogen zu sein, da beispielsweise die Schulpolitik - eines der wesentlichen sprachpolitischen Instrumentarien des Staates - völlig den Gemeinschaften untersteht und da es zwei regional einsprachige Rundfunk- und Fernsehnetze gibt, für die der jeweils andere Teil des Landes regelrecht ‘Ausland’ ist. (Vgl. Alen 1995:45.) Die kulturelle Autonomie trägt auch auf der Ebene der wichtigen Sprachnormierung durchaus ‘supranationale’ Züge. 1980 haben die flämische Gemeinschaft und die Niederlande in der Taalunie eine eigene Institution geschaffen, die sich unabhängig von den zuständigen Regierungen um die Sprachstandardisierung auf der Basis des Algemeen Beschaafd Nederlands (ABN) kümmert. Auf frankophoner Seite existiert ein solches Abkommen zwar nicht, jedoch ist die frankophone Elite in Belgien linguistisch durchaus am Pariser Französisch ausgerichtet. (Vgl. Willemyns 1988:1257)
4.2.2. Scheint somit vieles für eine kulturelle Unabhängigkeit Flanderns und der Wallonie zu sprechen, so stoßen sich diese ‘territorialistischen’ Strukturen wiederum am offiziell zweisprachigen Status von Brüssel. Dort tritt am deutlichsten zutage, wie wenig die Polarisierung von seiten der Sprachparteien zu einer ‘europäischen’ Sprachpolitik beiträgt, die einer komplexen sozio- oder psycholinguistischen Situation gerecht wird. Statt die faktische Mehrsprachigkeit des gesamten Brüsseler Großraumes anzuerkennen, fordert die Maison de la francité gestützt auf das Argument ‘90% Frankophone in Brüssel’ die regionale Einsprachigkeit, und der Vlaams Blok betreibt allen Ernstes die Angliederung Brüssels an Flandern. (8) Die Anerkennung von Französisch, Niederländisch, Deutsch und Englisch als Verkehrssprachen für Brüssel und zudem des Englischen nicht nur als ‘Weltsprache’, sondern auch als lingua franca zwischen den belgischen Sprachgruppen ist schon verschiedentlich gefordert worden. Die faktische, domänenspezifische ‘Multilingualität’ Brüssels muß darüber hinaus nicht nur anerkannt, sondern auch im Schulunterricht institutionalisiert werden. (Vgl. Posner 1991:133f; Javeau 1997:256f.) Beispielsweise könnten Konzepte für eine Integration der Migranten damit kombiniert werden. Eine gezielte Öffnung gegenüber den ‘Fremden’ wäre in Belgien schon allein deswegen vonnöten, da es mit 8,97% der Bevölkerung (1996) ungleich mehr weitgehend rechtlose ‘Ausländer’ als deutschsprachige Belgier (0,68%) gibt, die von der Verfassung geschützt sind. All dies ist aber nur möglich, wenn der Einfluß der Sprachparteien gezielt zurückgedrängt wird.
4.3. Für eine vernünftige Wirtschaftspolitik und Raumplanung müssen die sprachpolitisch definierten Regionalgrenzen, insbesondere des Großraums Brüssel, überwunden werden. Die Wirtschaft ist heute das globalisierte ‘Teilsystem’ par excellence (vgl. Luhmann 1997:167-171), und so sind die Regionen Belgiens trotz ihrer wirtschafts- und strukturpolitischen Autonomie noch immer eng miteinander verflochten. Hinzu treten finanz- und sozialpolitische Probleme, die sich kaum ‘föderalisieren’ lassen. Beispielsweise ist trotz sprachpolitischer Segmentierung die Existenz ‘versäulter’ ökonomischer und soziopolitischer pressure groups noch immer ein gesamtbelgisches Phänomen. Genannt werden muß in diesem Kontext aber vor allem die extreme Staatsverschuldung, die durch die Politik des sprichwörtlichen compromis à la belge entstanden ist und die diese Methode der Konfliktlösung einfach als zu teuer erscheinen läßt; weiterhin die besonders in der Wallonie und in Brüssel hohe Arbeitslosigkeit von 14,64% (1996) und die ungleiche Verteilung der Kosten für die staatliche Sozialversicherung. (Vgl. Carozzo 1998:3) Besonders die letzten beiden Fakten werden von flämischen Parteien immer wieder für eine Argumentation benutzt, die zu einer von Pascal Boniface in aller Welt beobachteten ‘Staatenvermehrung’ führt: wirtschaftlich schwache Regionen (wie die Wallonie oder Brüssel) werden von wirtschaftlich prosperierenden Regionen (wie Flandern) einfach ‘abgestoßen’.
"Bien souvent, le nationalisme et la proximité culturelle ne sont utilisés que pour mieux masquer l’intérêt économique à court terme. Le monde est entré dans l’ère de la prolifération étatique et du sécessionnisme à tous crins, mais aussi [...] dans celle du cocooning stratégique." (Boniface 1999:32.)
Jedoch scheinen all diese Probleme eher in einem europäischen als in einem regional begrenzten Raum lösbar zu sein.
4.4. Die nationale Ebene ist allerdings auch im heutigen Belgien noch präsent, symbolisch in der Staatsflagge und der Nationalhymne, verkörpert in der Institution des (dreisprachigen) Königs und in Armee und Polizei, die auch die entsprechende reale und ‘symbolische’ Macht besitzen. Schon allein deswegen darf sie nicht nur als mehr oder weniger ‘lästige’ Zwischenstufe zwischen Regionen und Europa mißverstanden werden, wie es etwa der damalige flämische Ministerpräsident Luc Van Den Brande 1996 in einer Rede darlegte. (Vgl. Rosenzweig 1997). Die viel beschworene Politikverdrossenheit könnte diesen nationalen Symbolen überdies wieder einen Sinn verleihen. Denn die innenpolitischen Krisen der vergangenen Jahre, Parteispendenaffären, die Dutroux-Affäre oder die Schließung von Renault Vilvoorde, haben in der belgischen Bevölkerung ein Gefühl der Solidarität über Sprachgrenzen hinweg entstehen lassen, das sich gegen die Bemühungen um parlamentarische Konfliktbewältigung auf der Ebene einer territorialistischen Sprachpolitik richtet, an der sich nur einige Politiker bereichern. Diese Entwicklung könnte auch die Richtung weisen weg von einem politisch-institutionellen Primat der Sprache in einer ‘kommunitaristisch’ zerstückelten politischen Landschaft hin zu einem supranationalen Raum, einem "compound of relativeliy independent cultures" (Posner 1991:125) im Sinne eines ‘Europa der Regionen’, in dem eine gewisse multilinguale Kompetenz Grundvoraussetzung ist. Erste, von nationalen Hürden allerdings noch stark behinderte Ansätze sind beispielsweise schon in der ‘Euregio Maas-Rhein’ im Dreieck Lüttich-Aachen-Maastricht erkennbar, an der die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens maßgeblich beteiligt ist. Sollte es in einer politisch mächtigen Europäischen Union zu einer (nicht ganz auszuschließenden) Aufteilung der Gebiete des heutigen Belgiens kommen, wird eine vergrößterte ‘Europäische Hauptstadt-Region’ Brüssel in jedem Fall von ihrer ‘multikulturellen’ Prägung profitieren.
Sprache ist der bestimmende Faktor des gesellschaftlichen und politischen Gefüges in Belgien - das sollte aus den vorangegangenen Erörterungen deutlich geworden sein, auch wenn nicht allzusehr ins schul-, sozial- oder parteipolitische Detail gegangen werden konnte. Sicherlich haben sozio- und psycholinguistische Faktoren, die hier nur angedeutet werden konnten, die es im übrigen auf ihre konkreten politischen Auswirkungen zu prüfen gälte, zu diesem Primat der Sprache weitgehend beigetragen, indem die identitätsstiftende Funktion der Sprache von poltischen Gruppen territorial-nationalistisch vereinnahmt wurde. Flamen wie Wallonen finden nur schwer zu einer ‘objektiven’ Haltung zueinander, das macht auch die im Seminar immer wieder angesprochenen Mechanismen der institutionalisierten Konfliktlösung, deren politisches Scheitern sich in Belgien anbahnt, so fragwürdig. Um von der ‘national’ verengten, territorialistischen Perspektive wieder weg zu kommen und den Blick freizumachen für eine mehr ‘individualistische’ Haltung, die den Primat der Sprache zurückdrängt, wurde hier zuletzt auch mit Ansätzen aus der Systemtheorie argumentiert. Sie propagiert eine globalisierte "Weltgesellschaft", in der "Probleme interkultureller Kommunikation, sprachliche Verständigungsschwierigkeiten und Mißverständnisse" eine untergeordnete Rolle spielen. "Der Universalismus der weltgesellschaftlich operierenden Funktionssysteme schließt Partikularismen der verschiedensten Art nicht etwa aus, sondern regt sie geradezu an." (Luhmann 1997:170; vgl. ebd. 145-171.) Das gegenwärtige Belgien ist sicherlich kaum Vorbild oder Modell für Europa, jedoch könnte es in einem vereinten Europa wesentliche Vorteile haben, da dort all die komplizierten Mechanismen sprachpolitischer Regulierung schon einmal im Kleinen durchgespielt wurden, gleichsam da es mit internationalisierten Gebieten wie Brüssel und dem historisch aufs Meer ausgerichteten Flandern eine Art europäisches ‘Kernland’ darstellt. Auch darüber haben die Belgier entschieden, als sie am 13. Juni 1999 nicht nur die Abgeordneten des Europaparlaments, sondern auch die des belgischen Staats- und der Regional- und Gemeinschaftsparlamente wählten und die jahrzehntelange große Koalition durch die augenblickliche Ampelkoalition unter Guy Verhofstadt ersetzten.